Die Zeit eines Lockdowns und der damit verbundenen Isolation ist für uns alle eine große Herausforderung. Für ganz viele Menschen mit chronischen oder psychischen Erkrankungen ist diese Situation noch um einiges schwieriger.

Termin bei Ärzt*innen oder Therapeut*innen müssen teilweise verschoben werden. Und auch der für viele Menschen wichtige Austausch in Selbsthilfegruppen kann gerade nicht in Präsenz stattfinden. Auf den Social Media Kanäle sind wir auf die Selbsthilfegruppe Borderline NF aufmerksam und neugierig geworden. So haben wir nachgefragt und geben diesem komplexen Thema in diesem Beitrag ausführlich Platz.

Welche Vorurteile gibt es gegenüber der BPS (Borderline Persönlichkeitsstörung)?

Diese Frage ist schwer allgemein zu beantworten, da die Vorurteile gegenüber Menschen mit einer BPS sehr vielfältig sind. Ein Beispiel wäre, dass sich alle Menschen mit dieser Erkrankung „ritzen“ (Schnittwunden zufügen), um ein sehr weit verbreitetes Vorurteil zu nennen.

Und leider gibt es nicht nur Vorurteile von Mitmenschen, sondern auch von medizinischem Fachpersonal. Viele Therapeuten/innen und Psychiater/innen lehnen eine Arbeit mit „Borderlinern“ oder „Grenzgängern“ (wie wir uns oft auch selbst nennen) schon von vorneherein ab, da die Arbeit mit diesem Störungsbild als sehr anstrengend und kräftezehrend beschrieben wird und es bei Borderlinern häufig zum Idealisieren ihrer Behandlungsperson kommen kann und die Therapeut-/Arzt–Patient–Grenze dann leicht von Seiten des Borderliners überschritten wird.

Wie erkranken Menschen an dieser Persönlichkeitsstörung/Störung des Selbstbilds?

Es gibt vielfältige Ursachen, die eine BPS auslösen können. Selbst Fachleute sind sich bis heute nicht sicher, welche Ursachen dies genau sind.
Die früher geläufige Meinung, dass jeder Borderliner als Kind missbraucht wurde oder andere schwerwiegende Traumata erlitten hat, wurde mittlerweile widerlegt, da es durchaus auch Borderliner ohne solche Kindheitstraumata gibt. Es wird auch davon gesprochen, dass es eine erbliche Komponente für diese Erkrankung geben könnte, bzw. dass Kinder von Borderlinern ein weitaus höheres Erkrankungsrisiko haben als Kinder von Nicht-Borderlinern.

Selbstverletzungen sind ein nach Außen sichtbares Indiz für Borderline. Welche psychischen Befunde werden diagnostiziert?

Im Prinzip wurde diese Frage nicht korrekt gestellt, da zu den 9 Diagnosekriterien im DSM-IV (DSM, engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – Das DSM-IV ist ein Ersatz und/oder eine Ergänzung für die jeweiligen Passagen im ICD-10) nicht selbstverletzendes, sondern selbstschädigendes Verhalten gehört. Nicht jeder Borderliner verletzt sich also sichtbar nach Außen selbst, zum selbstschädigenden Verhalten gehören beispielsweise auch Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Autofahren, Fressanfälle, etc.

Seit wann und warum gibt es die Selbsthilfegruppe?

Die SHG in Husum existiert seit 2019. Unsere WhatsApp-Gruppe wurde im März 2020 erstellt und seit November 2020 gehört auch eine Skype-Gruppe zu den Selbsthilfeangeboten von BorderlineNF.

Selbsthilfegruppen sind dafür da, damit Betroffene sich untereinander austauschen können und sich gegenseitig helfen und unterstützen können.
Das Gefühl „nicht allein“ mit seinen Sorgen, Alltagsproblemen und Gefühlen zu sein, spielt hierbei eine sehr große Rolle. Es können Dinge angesprochen werden, die Nicht-Erkrankte nicht verstehen oder nachvollziehen können, es können Tipps für gute Psychologen/innen, Psychiater/innen, Kliniken oder für den Umgang mit bestimmten Gefühlen/Situationen ausgetauscht werden.
Auch können Menschen, die schon mehr Erfahrung mit ihrer Erkrankung und deren Behandlung haben andere unterstützen, die ihre Diagnose gerade erst erhalten haben oder bei denen der Verdacht dieser Erkrankung besteht.

Bietet die Selbsthilfegruppe auch Angehörigen eine Hilfestellung?

Bisher sind wir eine Gruppe von Betroffenen für Betroffene und haben keine Angehörigen unter unseren Mitgliedern.
Aber natürlich existieren auch Angebote/Gruppen für Angehörige von psychisch Kranken (nicht nur für Borderline). Überall, wo Selbsthilfegruppen angeboten werden, können sich auch Angehörige darüber informieren, wo und wann solche Gruppentreffen stattfinden.

Wenn das Selbstbild gestört ist (Bild von Gerd Altmann auf Pixabay)

Welches sind typische Symptome des BPS?

Bei den typischen Symptomen einer „emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ“ kann man eigentlich wieder die 9 Diagnosekriterien des DSM-IV nennen, da die individuellen Symptome eines jeden Borderliners ein großes Spektrum umfassen, was man nicht verallgemeinern kann.

Die 9 Diagnosekriterien des DSM-IV, bei denen mindestens 5 Kriterien für eine Borderline-Diagnose erfüllt müssen:
1. Verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern.
2. Ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen.
3. Identitätsstörungen: Eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst.
4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstbeschädigenden Bereichen (z.B. Geldausgeben, Sex, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle).
5. Wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen oder –versuche oder selbstschädigendes Verhalten.
6. Affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist (z.B. starke episodische Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Angst).
7. Chronisches Gefühl der Leere.
8. Unangemessen starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien).
9. Vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Ist die Initiative rein privat oder etwa als Verein organisiert? Wie finanziert ihr euch?

Wir sind kein Verein und unsere verschiedenen Gruppen organisieren wir rein privat und ehrenamtlich, ohne jegliche Finanzierung. Nur die Räume der SHG in Husum werden, wie bei anderen Selbsthilfegruppen auch, von der KIBIS Nordfriesland gestellt.
Anfangs gab es nur die SHG in Husum, die aber kaum bekannt war und daher leider keine regelmäßigen Teilnehmer hatte. Nur eines unserer Mitglieder hatte die Energie und den Willen, die SHG nicht aussterben zu lassen und ging regelmäßig hin, um die Räumlichkeiten aufzuschließen, damit eventuelle Interessenten nicht vor verschlossenen Türen standen.

Dann kam Malte, der Initiator der Website und Gründer der WhatsApp-Gruppe, hinzu und setzte es sich zusammen mit dem oben genannten Mitglied zum Ziel, die SHG bekannter zu machen und das Angebot für Betroffene zu erweitern.
Malte erstellte die Website und Social Media Accounts (Instagram, Facebook u.a.) und gründete die WhatsApp-Gruppe, alles rein privat in seiner Freizeit.
Seit kurzem gehört nun auch eine Skype-Gruppe zu den Angeboten von BorderlineNF. Die Idee für die Skype-Gruppe entstand, damit die Mitglieder der WhatsApp-Gruppe auch richtig miteinander sprechen und sich so besser kennenlernen können, was in einem Chat mit geschriebenen und Sprachnachrichten in dem Umfang natürlich nicht möglich ist. Hinzu kommt, dass aus unterschiedlichen Gründen nicht alle WA-Gruppenmitglieder zur SHG nach Husum kommen können (oder möchten) und derzeit die Räumlichkeiten der KIBIS Nordfriesland aufgrund des Lockdowns auch leider verschlossen bleiben müssen.

Ich (die Autorin möchte anonym bleiben, Anmerkund der Redaktion) kam Anfang September 2020 als ganz normales Mitglied in die WhatsApp-Gruppe. Irgendwann wollte ich dann mehr für dieses großartige Projekt tun und Malte unterstützen. Jetzt gehöre ich mit Malte zum Admin-Team der WhatsApp-Gruppe und helfe ihm, soweit ich dazu in der Lage bin, mit den Beiträgen für die Social Media Accounts und anderen Dingen der Online-Präsenz.

Wie wichtig ist jegliche Anonymität für eure Arbeit?

Für manche ist Anonymität aus verschiedenen Gründen sehr wichtig. Sei es, dass andere nichts von ihrer Erkrankung wissen dürfen (z.B. Arbeitgeber), dass sich Mitglieder nur anonym trauen, sich zu öffnen und etwas von sich preiszugeben oder dass manche aufgrund ihrer Vergangenheit z.B. ihren jetzigen Wohnort nicht preisgeben dürfen.
Für andere wäre/ist es gar kein Problem, wenn sie nicht komplett anonym sind und andere z.B. ihren richtigen Namen oder ihre Adresse erfahren. Aber es ist für solche Gruppen essenziell, dass jedem Mitglied Anonymität garantiert wird, welches anonym bleiben möchte. Auch ist es in Selbsthilfegruppen normal, dass alles, was dort erzählt wird, auch dortbleibt. Und das gilt natürlich nicht nur für die SHG in Husum, sondern auch für die Onlineangebote von BorderlineNF.

Ist die Corona-Situation ein Verstärker für BPS Erkrankungen?

Meiner Meinung nach ist die aktuelle Corona-Situation eine Belastung für viele psychisch Erkrankte, nicht nur für Borderliner. Bei sehr vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen verstärkt/verschlimmert sich derzeit die Symptomatik. Wenn man überlegt, wie stark auch die meisten psychisch gesunden Menschen unter der aktuellen Situation leiden, kann man sich ausmalen, wie schwer es erst für psychisch vorbelastete Menschen sein muss. Und leider fallen durch den momentanen Lockdown auch sehr viele Hilfsangebote (Treffpunkte, SHGs, etc.) für psychisch Kranke weg, die bei vielen sehr wichtig für eine regelmäßige Tagesstruktur sind.

Was kann eine Selbsthilfegruppe leisten, was der therapeutische und klinische Sektor nicht leisten können?

Die Antwort steckt schon in dem Wort „Selbsthilfegruppe“ Wir helfen uns gegenseitig dabei, uns selbst zu helfen. Jede Therapie, jeder Klinikaufenthalt ist zeitlich begrenzt und auch, wenn man danach weiterhin psychologische und/oder psychiatrische Unterstützung bekommt, muss man seinen Alltag allein bewältigen. Man muss also lernen, mit seiner Erkrankung umzugehen. Da kann eine Selbsthilfegruppe eine sehr große Unterstützung sein. Wir sind alles Betroffene und können uns gegenseitig helfen, besser mit uns und unserer Erkrankung umzugehen.

Auch ist es ein großer Unterschied, ob man mit anderen Betroffenen oder mit einem/r Psychiater/in Therapeuten/in spricht, da wir uns gegenseitig viel besser verstehen und die Gefühle/Gedanken/Probleme der anderen nachvollziehen können.

Ein Broschüre gibt einen Überblick über die Selbsthilfegruppen

An welche Stelle sollte Mensch sich in Nordfriesland zuerst wenden, wenn der Verdacht von BPS bei sich selbst, Angehörigen oder Freunden besteht?

Auf jeden Fall sollte man sich zuerst an medizinisches Fachpersonal (Psychiater/in, Therapeut/in, Psychologische Beratungsstellen) wenden, da kein anderer eine Diagnose stellen kann. Niemandem bringt eine Selbstdiagnose oder die Diagnose von Angehörigen oder Freunden etwas.
Natürlich kann man sich bei dem Verdacht auf eine BPS auch darüber informieren, nur sollte auf jeden Fall zusätzlich eine diagnostische Abklärung erfolgen.
Wenn wir in einer unserer Gruppen jemanden mit Verdacht auf eine BPS haben, sagen wir auch immer ganz klar, dass nur ein Fachmann/eine Fachfrau wirklich diese Diagnose stellen kann und sich der-/diejenige unbedingt an so jemanden wenden sollte.

Selbsthilfegruppen haben über die KIBIS Selbsthilfeberatung Nordfriesland eine Plattform, die die Selbsthilfe in unserem Kreis organisiert. Die KIBIS ist eine von 14 Selbsthilfekontaktstellen in Schleswig-Holstein.

4 Kommentare

  1. Hallo, ich bin Malte und gehöre zu BorderlineNF. Ich möchte gerne rückmelden, dass dieser Beitrag super toll geworden ist und Krötchen hat sich auch sehr darüber gefreut. Vielen lieben Dank an euch, euer Blog ist echt spitze!

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    1. Hallo Malte, es freut uns sehr, dass euch der Beitrag gefällt, aber da habt ihr ja auch einen ganz großen Anteil dran. Danke auch an Krötchen!
      Und tausend Dank, dass euch unser Blog insgesamt gefällt. Das ist eine schöne Motivation und Bestätigung!

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    1. Vielen Dank für die Rückmeldung. Ja, wir denken auch, dass Selbsthilfe in dieser Zeit ein wichtiges, kaum beachtetes Thema ist. Wir sind froh, dass uns Borderline NF bei diesem Artikel so super unterstützt hat.

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