Verbraucher:innen sollten sich nicht zwischen guten und schlechten Produkten entscheiden müssen!“ Das ist das Credo von Melanie Weigel, mit der wir uns anlässlich des 4. Geburtstag der Fairtrade Town Niebüll über fairen Handel und ihren Einsatz für eine bessere Welt unterhalten haben.

(All fotos by Yugen Yah)

Die gebürtige Weimarerin lebt heute in Berlin und hat sich schon früh kritisch mit unserem Konsumverhalten auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ihres Engagements war der Aufenthalt in einem Workcamp in Ostafrika nach ihrer Schulzeit. Dort lernte sie die Menschen am Anfang der Lieferkette kennen und bekam einen Einblick in die Erzeugung und Verarbeitung von Rohstoffen wie Kaffee oder Vanille.  Mit den Produzent:innen, die mit Rohstoffen, wie Kaffee ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, ist sie dort ins Gespräch gekommen. Dieser Perspektivwechsel führte ihr unsere globalisierte Welt vor Augen. Sie erkannte, dass auch sie ein Rädchen im System ist und viele Alltagsgüter, die bei uns als Massenwaren im Regal liegen, unter unfairen Bedingungen hergestellt werden und Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen haben. Daraufhin scannte Melanie alle Etiketten und stellte ihr eigenes Konsumverhalten auf den Kopf. Im Winter gab es keine Stiefel mehr, im Sommer kein Mangoeis. Sie versuchte so viel wie möglich fair und biologisch einzukaufen. Das war jedoch mit vielen Einschränkungen und Kompromissen verbunden. Sie merkte, dass die Last immer größer wurde und sie nicht allein für die Einhaltung internationaler Menschenrechte zuständig sein konnte. Der reine Boykott konventioneller Produkte wäre eine unvollständige Lösung, da es die Arbeiter:innen bestrafen würde, so Melanie.

Ihr wurde klar, dass Unternehmen und Politik aktiv werden und hier Verantwortung übernehmen müssen. Den Ansatz, diese Verantwortung zu adressieren, hat Melanie Weigel in ihrer damaligen Lebenssituation gefunden. Während ihres Sportstudiums fuhr sie regelmäßig mit der Bahn zu Wettkämpfen fahren. Dabei fiel ihr auf, dass der dort angebotene Kaffee unfair war und davon riesigen Mengen in den Zügen der Deutschen Bahn konsumiert werden. Damals bot die Bahn konventionellen Kaffee der Firma Dallmayr an.

2016 startete Melanie Weigel ihre Online-Petition

Sie erkannte den großen Hebel, ein großes deutsches Unternehmen öffentlich in die Verantwortung zu nehmen, aus dem System unfair produzierten Kaffees auszusteigen. So startete sie zunächst analog eine Petition in der sie die Deutsche Bahn aufforderte, auf fairen Kaffee umzusteigen. Die Petition damals führte sie über Unterschriftenlisten, die sie in Weltläden auslegte und an Schwarzen Brettern bewarb. Der analoge Weg war jedoch sehr mühsam. Die Listen landeten in einer Schublade und ihr Vorhaben ruhte einige Jahre. Über die Petitionsplattform Change.org nahm Melanie 2016 mit demselben Text und startete eine Onine-Petition. So konnte sie viel mehr Menschen und eine größere Öffentlichkeit erreichen und hatte nach einem Monat 10.000 und nach drei Monaten über 40.000 Unterschriften. Sie wandte daraufhin an die Deutsche Bahn mit dem Anliegen, dass es Gesprächsbedarf gibt. Im Juni 2016 übergab sie ihre Petiton den Entscheidungsträger*innen in Frankfurt. Zu dem einstündigen Gespräch nahm sie Kaffee verschiedener fairer Hersteller mit. Das Treffen war zunächst enttäuschend. Die betreffeden Bahnmitarbeiter sagten ihr, dass die Flughäfen doch viel mehr Kaffee verbrauchen und sie sich dorthin wenden sollte. Doch sie sammelte weiter Unterschriften und machte mit Aktionen auf ihre Kampagne aufmerksam und gründete eine Facebookgruppe dazu. Am 1. April 2017 gab es die Meldung, dass die Bahn in all ihren Schnellzügen fair gehandelten Kaffee, Tee und Trinkschokolade anbietet,“10 Mio. Tassen guter Kaffee pro Jahr“ und „Fairtrade ist unser Geschmack“ lautete auf einmal der Slogan der Bahn. Das war ein riesiger Erfolg und für Melanie hat es sich gelohnt, wie sie selbst sagt, „lästig und unbequem zu sein“. „Eine Stimme kann nur gehört werden, wenn sie erhoben wird.“

Knapp 48.000 Unterschriften hatte Melanie bis Juni 2016 erreicht

Was für sie aber neben der Umstellung bei der Bahn genauso wichtig war, war die Tatsache, dass sie sich für Menschen einsetzen konnte, die ansonsten keine Stimme auf dem Weltmarkt haben. Ein Kaffeebauer aus einem Erzeugerland hat oft weder das Recht noch die Möglichkeit dazu, seine Stimme zu erheben. Mit diesem Erfolg hat Melanie Weigel aber auch eine negative Seite öffentlichen Engagements kennengelernt. Ihr wurde unterstellt, dass sie von der Bahn gekauft ist und ihre Initiative künstlich initiiert wurde.  

Das hat sie aber nicht abgeschreckt, weiter in den Dialog mit Unternehmen zu treten, wenn sie etwas ungerecht oder unfair findet. Zentral wichtig ist Melanie, dass die Verantwortung für unfaire oder sozial unverträgliche Produkte eben nicht auf die Konsument:innen abgewälzt wird, sondern dass alle Unternehmen in der Lieferkette diese Verantwortung übernehmen müssen. Hier ist auch die Politik gefragt, Standards zu setzen, die Unternehmen in die Pflicht nehmen. Wie bei einem Lieferkettengesetz die Menschen, die im Globalen Süden mehrheitlich im informellen Sektor vertragslosen Tätigkeiten nachgehen, auch davon profitieren können, ist ihr noch unklar.

Aktuell arbeitet Melanie unter anderem zu verantwortungsvoll produziertem, fairem Palmöl. Palmöl wird in vielen Kosmetikprodukten, Lebensmitteln und vor allem auch im Biodiesel verarbeitet und ist ein starker Treiber des Flächenverbrauchs im globalen Regenwaldgürtel und damit auch der Klimakrise. Melanie hat einen produzierenden Betrieb in Ghana besucht und darüber einen Film gedreht, in dem sie erklärt, warum das Palmöl von Serendipalm für sie das einzige vertretbare ist, da es sozial- und umweltverträglich hergestellt wird.

Das hat ihr gezeigt, dass anderes wirtschaften möglich ist. Alles zu diesem Thema hat sie auf dem Blog kisii veröffentlicht, der sich mit Weltladenthemen beschäftigt.

Palmkerne werden von Hand von Palmbüscheln getrennt.

Auf der Petitionsplattform change.org fordert Melanie mit einer Petition den Möbelkonzern IKEA dazu auf, auf fair gehandelten Kaffee umzusteigen. Aktuell trägt der Kaffee, den IKEA zum Verzehr anbietet das UTZ-Siegel, das aufgrund seiner sehr niedrigen Standards nicht für fairen Handel und biologischen Anbau stehen kann. Sie kritisiert, dass der Werbeslogan „viele Menschen einen besseren Alltag zu ermöglichen“, schon allein am Kaffee scheitert.

Melanie Weigel ist mit ihrem Engagement ein Vorbild für viele, die den eigenen Konsum kritisch betrachten, dahinter schauen, nachfragen und etwas verändern wollen. Ihre Anregung ist, einfach anzufangen, nachzufragen, wenn dich etwas stört oder unklar ist. Politiker*innen haben Sprechzeiten und Firmen haben Hotlines, E-Mailadressen und Telefonnummern. Dort kann man sich 24/7 nach den Produktionsbedingungen erkundigen oder beim Verkehrsminister z.B. fragen, warum die Hälfte des Palmöls, was nach Europa importiert wird, im Tank landet. Eine nachhaltige öffentliche Beschaffung sind ihrer Meinung nach viel größerer Hebel als sich im Klein Klein zu verlieren.Mit ein bisschen Mut, sich direkt an die Unternehmen zu wenden, können Konsument:innen und Verbraucher:innen über z.B. Petitionen Öffentlichkeit und Veränderungen anstoßen.

Wir finden, jedes Engagement lohnt sich und niemand soll denken, dass man alleine nichts erreichen kann. Melanie Weigel , du hast es vorgemacht und bist für uns damit umweltenbesser.

Folgt ihr gerne auf Instagram und Facebook!

https://www.youtube.com/channel/UCjyVux7saBqhw1i38lIut2w

2 Kommentare

  1. Jede große Bewegung beginnt mit dem Gedanken eines einzelnen Menschen, der beharrlich Stück für Stück seine Gedankenkraft in Materie verdichtet. Durch seine positive Ausstrahlung, Begeisterung und Leidenschaft steckt er andere an, die sich gerne mitziehen lassen. Danke liebe Melanie Weigel für Deinen wertvollen Beitrag zum Bewusstseins- und Klimawandel.
    Katja Ruth

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