Niebüll ist nicht nur ein bedeutender Schulstandort für das nördliche Nordfriesland. Auch beim Thema Ausbildung kann die Stadt richtig gut punkten. Es gibt an die 300 Ausbildungsstellen in ca. 80 Berufen. Ob Handwerk, Handel, Dienstleistung oder öffentlicher Dienst, die Palette an Möglichkeiten ist groß.

Für einige Erwachsene vielleicht auf den ersten Blick auch zu groß? Dieser wichtige Schritt im Leben will gut überlegt sein.
(Titelbild: Berufliche Schule des Kreises Nordfriesland im Schulzentrum Niebüll)
Wir haben dazu bei Fachleuten nachgefragt:

Man bekommt immer wieder mit, dass es in ganz Deutschland mehr freie Ausbildungsplätze als Bewerber:innen gibt. Wie beurteilen Sie die Situation in Niebüll?

Agentur für Arbeit (Sünje Christiansen, Berufsberaterin): In Niebüll ist es tatsächlich in einigen Berufsfeldern leicht einen Ausbildungsplatz zu finden, da es zu wenig interessierte Bewerber:innen gibt. Dies ist in folgenden Berufen / Berufsfeldern der Fall: Bauhandwerk, Elektrohandwerk, Einzelhandel, insbesondere im Bereich Lebensmittel (Bäcker:in, Bäckereifachverkäufer:in, Fleischer:in, Fleischereifachverkäufer:in) sowie auch im Hotelfach (dies ist aber auf den Inseln gravierender).
JugendBerufsAgentur (Timo Goelling, Koordination Jugendberufsagentur NF
): Somit hat erstmal jeder die Chance einen Ausbildungsplatz zu finden, wenn die Motivation stimmt. Viele Unternehmen schauen mittlerweile nicht mehr nur auf die Zeugnisse. Ein Praktikum ist sicher die beste Möglichkeit ein Unternehmen von sich zu Überzeugen.
Kreishandwerkerschaft-Nordfriesland (Olaf Behrmann, Ausbildungsbetreuung): Es gibt Berufe bzw. Branchen, die stark nachgefragt sind, wie z.B. im Kfz-Bereich während bei anderen kaum Bewerbungen ankommen, wie z.B. im Lebensmittelhandwerk.
Auch ist die Frage, wie eng man Niebüll sieht und damit verbunden das Thema Mobilität.
So sind viele Handwerksbetriebe im Umland / in der Region angesiedelt. Das führt besonders für jüngere Auszubildende dann zu Verkehrs- / Transportproblemen. Außerdem gibt es einige Betriebe, die zwar einen Firmensitz in Niebüll haben, aber viel auf Sylt arbeiten.
Manchmal ist es auch so, dass es für Auszubildende leichter ist, nach Sylt zu kommen, als zu einem Betrieb irgendwo im Koog. Für Handwerker:innen ist das Arbeiten auf Sylt in vielen Bereichen besonders interessant, werden dort doch immer wieder sehr hochwertige handwerkliche Leistungen nachgefragt.

Die Kreishandwerkerschaft Nordfriesland Nord in der Rathausstraße

Vielen jungen Menschen fehlt zum Ende der Schulzeit die berufliche Orientierung – Was soll ich aus meinem Leben machen? Wie können Sie bei der beruflichen Orientierung helfen?

AfA: Die Berufsberater beginnen an den Schulen ab Klasse 8 mit Unterrichten zu Berufsorientierung (in Abstimmung mit den Schulen), dann folgen Schulsprechstunden für die Schüler und Beratungsgespräche. So kann jedem individuell geholfen werden.
JBA: Die JBA unterstützt in allen Bereichen, welche einen jungen Menschen daran hindern den passenden Ausbildungsberuf zu finden. Wir sind da, wenn erstmal andere Fragen als der Berufswunsch, wichtig sind. Und wenn es um konkrete berufliche Orientierung geht, können wir einen Überblick über die Ausbildungsberufe geben und gemeinsam mit den Teilnehmern herausfinden, welcher Beruf anhand der Interessen und Fähigkeiten passend sein kann. Wir unterstützen auch im Bewerbungsprozess und versuchen gemeinsam mit Betriebskontakten auch den passenden Ausbildungsbetrieb zu finden. Dieser Faktor ist auch häufig entscheidend dafür, ob man sich in der Ausbildung wohl fühlt und anschließend auch, ob man die Ausbildungsprüfungen besteht.
KH-NF: Die Kreishandwerkerschaft nimmt in Partnerschaft mit dem BAW am Berufsorientierungsprogramm (BOP) des Bundes teil. Wir öffnen unsere Ausbildungswerkstätten für Schülerinnen und Schüler der umliegenden Schulen und ermöglichen es so, erste Eindrücke von der Ausbildung in den Bauhandwerken ganz praktisch und hautnah zu sammeln. Darüber hinaus unterstützen wir die Gemeinschaftsschulen bei der Berufsorientierung mit unterschiedlichen Formaten. In der Regel so, dass wir Auszubildende und Ausbilder mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt bringen.
Pandemiebedingt haben wir im letzten Jahr auch digitale Formate mit den Schulen durchgeführt, auch wenn gerade für das Handwerk die Präsenz sicher das bessere Medium ist, um die Berufe „begreifbar“ zu machen.
Darüber hinaus motivieren wir unsere Innungsbetriebe Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen und diese auch im Portal „Praktikum Westküste“ anzubieten.

Radiospot für den Ausbildungsstandort Niebüll, aktuell auf Antenne Sylt

Sich einen Ausbildungsplatz zu suchen, ist für viele junge Erwachsene ein großer Schritt und mit Unsicherheiten verbunden. Wie kann man ihnen Selbstvertrauen mit auf den Weg der Bewerbung geben?

AfA: In Beratungsgesprächen sind die Stärken des einzelnen, die für einen Beruf wichtig sind, ein großes Thema, hier wird angesetzt um möglichst genau den richtigen individuellen Weg in eine Ausbildung zu finden (was mache ich schon richtig, was kann ich noch verbessern?)
JBA: Viele junge Menschen können schneller die Frage beantworten, was sie nicht können als die Frage nach Ihren Fähigkeiten. Wir in der Jugendberufsagentur folgen dem Motto Stärken stärken und Schwächen schwächen. Mit eindeutigem Fokus auf den Stärken.
KH-NF: „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“ Das bedeutet nicht nur, dass der Weg zur Meisterschaft lang ist und Zeit und Erfahrung braucht, sondern auch, dass jeder Meister, also heutiger Chef, auch mal klein angefangen hat. Deshalb ist Angst an dieser Stelle gar nicht nötig. Die meisten Ausbildungsbetriebe bilden ja auch nicht zum ersten Mal aus und kennen die Verunsicherung der Bewerber:innen. Natürlich verunsichert der Schritt von den bekannten Systemen wie Familie und Schule in die Arbeits- und Wirtschaftswelt. Das ist normal und auch gut so. Es gilt sich in die Rolle des Auszubildenden hineinzufinden, aber auch mutig die Aufgaben anzugehen, denn es gibt ja viel zu lernen und Erfahrungen zu sammeln
.

In der JugendBerufsAgentur stehen verschiedene Informationsmöglichkeiten zur Verfügung.

Lese dazu auch unseren Blogartikel zur JBA.

Niebüll ist ein Ausbildungsstandort des Mittelstandes. Die Betriebe und Unternehmen haben eine große Vielfalt an Ausbildungsberufen zu bieten. Viele junge Menschen streben nach einer Hochschulreife und einem Studium. Was spricht aus Ihrer Sicht für eine Ausbildung ohne oder trotz Abitur?

AfA: Fundierte praktische Ausbildung, Wohnortnähe, Weiterentwicklungsmöglichkeiten auch ohne Studium, Praxisbezug auch VOR Studium, z.B. wenn man später ins das nördliche SH zurückkehren möchte.
JBA: Unser Bildungssystem ist so durchlässig, dass man zu jeder Zeit den nächsten Schritt gehen kann. Somit ist ein Start ins Berufsleben mit einer soliden Ausbildung und den dort gesammelten Erfahrungen oftmals hilfreich.
Wenn man nach der abgeschlossenen Ausbildung gerne ein Studium anschließen möchte, so hat man einen deutlichen Vorteil gegenüber den Studenten ohne Ausbildung. Es hilft einem die zu lernende Theorie anhand seiner eigenen Praxis besser einzuordnen, man hat die Möglichkeit besser bezahlte Nebenjobs zu bekommen, auch nach dem Studium ist man für den Arbeitsmarkt attraktiver.
KH-NF: Aus der Sicht des Handwerks können unsere Berufe bei dem Thema Arbeitszufriedenheit punkten. Durch die Arbeit mit den Händen werden täglich Erfolgserlebnisse mit Nachhaltigkeit geschaffen. Dinge die sichtbar und greifbar sind. Das haben nicht viele akademische Berufe zu bieten.
Und selbst wenn ein späteres Ziel möglicher Weise ein Studium ist, so bleibt der Einstieg in die Arbeitswelt in jungen Jahren doch eine prägende Erfahrung, die im späteren Lebenslauf immer einen Pluspunkt darstellt. Man hat schon einmal bewiesen, in der Arbeitswelt erfolgreich einen Berufsabschluss gemacht zu haben – eine Erfahrung die Studienabgänger:innen ohne vorhe
rige Berufsausbildung nicht mitbringen.

Oder anders gefragt, was bietet mir eine Ausbildung vor Ort, was mir ein Studium nicht bieten kann?

AfA: Praxis, erstes Geld verdienen, Wohnortnähe, gegebenenfalls. Karriere im Ausbildungsbetrieb.
JBA: Eine Ausbildung vor Ort bietet einem die Möglichkeit, schnell ins Berufsleben zu starten. Man bekommt sein eigenes Einkommen, man muss sein soziales Umfeld nicht verlassen und auch für die Zukunft hat man ein gutes Fundament für einen Beruf der einem Freude bringt und Karrieremöglichkeiten offenbart.
KH-NF: Gerade in den jungen Jahren das eigene, persönliche Netzwerk vor Ort zu stärken bildet oft die Basis für ein erfolgreiches Berufsleben. So können sich Verbindungen und Perspektiven entwickeln, die die Entscheidung für ein mögliches Studium viel zielgerichteter und konkreter werden lassen und auf die bei einer Rückkehr in die Heimat dann aufgebaut werden kann.

Ansprechpartner:
Agentur für Arbeit Niebüll, Berufsberatung, Bahnhofstr-26a, 25899 Niebüll / Tel: 04661 96 70 24

Berufliche Schule des Kreises Nordfriesland, Uhlebüller Straße 15, 25899 Niebüll / Tel.: 04661 – 930 100

JugendBerufsAgentur Niebüll, Uhlebüller Str. 22, 25899 Niebüll / Tel: 04841 67 871

Kreishandwerkerschaft Nordfriesland Nord, Regionale Ausbildungsbetreuung, Rathausstr. 19, 25899 Niebüll / Tel.: 04661 9665-0;

Handels- und Gewerbeverein Niebüll e.V. – Viele Mitgliedsbetriebe sind auch Ausbildungsbetriebe, die Kontaktdaten finden sich auf der Website

4 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel. Gut zum Weitersagen. Eine gute Ausbildung ist nicht weniger wert als ein Studium. Entscheidend ist, dass man weiß oder danach sucht was man will. Und was man später aus dem Erlernten macht.
    Da bieten Niebüll und Umland mehr Möglichkeiten als man denkt.

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  2. Ein wirklich sehr guter , ins Detail gehender Bericht . Niebüll ist , was Lehrstellen angeht , gut aufgestellt Als Anregung für einen der nächsten Blogs würde es mich interessieren was wünschen sich die Niebüller und was stört die Niebüller . Ggf als Umfrage am Samstsg auf dem Markt Gruß Doris Holst Pacholski

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