Für viele Niebüller Bürger*innen gab es in der Regierung bzw. Verwaltung zwei Konstanten: Angela Merkel als Bundeskanzlerin und Wilfried Bockholt als Bürgermeister. Nachdem Frau Merkel bereits von Olaf Scholz abgelöst worden ist, geht auch Herr Bockholt nach 24 Jahren Amtszeit Ende Mai in Rente.

Worauf schaut man nach so vielen Jahren als Bürgermeister zurück? Welche Erwartungen hatte man anfangs vielleicht? Was steht an für den Ruhestand? Das habe ich für euch herausgefunden und mich mit Herrn Bockholt zum Interview getroffen. 

Als Erstes sind mir in seinem Büro die beiden kleinen Windräder aufgefallen, die im Fenster stehen. Eins davon ist mit Solar betrieben und dreht sich solange beständig, wie die Sonne ins Zimmer scheint. Herr Bockholt erzählt, dass er eins der beiden 2009/2010 zur Einweihung des Bügerwindparks geschenkt bekommen hat. In seiner Jugend und auch zu Beginn seiner Amtszeit am 01.06. 1998 gab es gar keine bzw. erst wenige Windräder. So konnte er von einem Hügel in Klintum, auf den er in seiner Jugend gerne „geklettert“ ist, bei gutem Wetter bis nach Föhr schauen. Auf den Fotos von damals war kein einziges Windrad zu sehen. Und heute sind es beliebte Fotomotive, zumindest bei den Tourist*innen. Verrückt, oder?

Aber zurück in die Vergangenheit: Herr Bockholt hat doch bestimmt eine Lieblingserinnerung von seiner Amtszeit?! Es fällt ihm nicht leicht, sich auf eines der vielen tollen Ereignisse festzulegen und ein Ranking gibt es da auch ganz sicher nicht. Besonders beeindruckt hat ihn aber der Zusammenhalt der Mitarbeiterschaft beim Aufbau der Bildungs-und Arbeitswerkstatt Südtondern im Jahre 2006. Das BAW ist aus dem damaligen Jugendaufbauwerk entstanden. Jugendaufbauwerke wurden in Schleswig- Holstein nach dem 2. Weltkrieg eingerichtet, um Jugendbildung zu fördern und den jungen Menschen in einem Jahr zu ermöglichen, sich für ihre berufliche Zukunft zu orientieren. Um dieses Angebot auch nach einer grundsätzlichen Rechtsprechung aus dem Jahr 2003 für Niebüll und die Region zu erhalten, mussten viele Dinge, wie zum Beispiel die Anstellung der Mitarbeiter*innen des jetzigen BAW, neu geregelt werden was für alle mit Unsicherheit verbunden war. Dass alle das so mitgemacht haben und das BAW zu dem geworden ist, was es jetzt ist, macht den Bürgermeister sehr froh.

Es war aber bei weitem nicht immer klar, dass Herr Bockholt in diesem Büro sitzen und auf seine lange Amtszeit als Bürgermeister zurückblicken würde. Das Einzige, was für ihn nach der Schule sicher war, war, dass er nicht wie sein Vater Postbote werden wollte. Mit dem Fahrrad Post austragen, immer dem Wetter ausgesetzt zu sein und bei Regen durchnässt nach Hause kommen wollte er nicht. So hat Herr Bockholt im Lecker Rathaus eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter gemacht, ihr folgten 18 Monate Zivildienst in der Krankenpflege. An der Volkszählung im Mai 1987 war er ebenfalls beteiligt und erinnert sich noch gerne an den ein oder anderen Schnack mit den Bürger*innen und vor allem den Verweigerern. Die Arbeit in der Verwaltung, unter anderem als Kämmerer und Standesbeamter, hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er, schon als der damalige Bürgermeister in Leck in Rente ging, überlegte, sich zu bewerben.

Das hat er letztendlich erst 1997 gemacht, als Heinz Loske sein Amt als Bürgermeister von Niebüll, auch nach ganzen 24 Jahren, mit dem Eintritt in den Ruhestand verlassen hat. Wusstet ihr, dass 1998 die erste Direktwahl der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister durchgeführt wurde? Davor wurden Bürgermeister*innen immer von der Stadtvertretung gewählt. Niemand wusste also, wie so eine Wahl abzulaufen hatte. Spannend für alle. Herr Bockholt ist Unterschriften für seine Bewerbung in Niebüll sammeln gegangen und hat dabei gleichzeitig den ein oder anderen besser kennengelernt. Die Stadt selbst kannte er durch seine Arbeit schon und sein Heimatort, Oster Schnatebüll, ist schließlich auch nicht weit weg. Wie die Wahl ausgegangen ist, könnt ihr euch wahrscheinlich denken 😉

Bürgermeister Wilfried Bockholt

Mit welchen Erwartungen bewirbt man sich denn nun für das Amt des Bürgermeisters? Herr Bockholt erzählt, dass er damals ohne konkret formulierte Erwartungen angefangen hat. Seine Bewerbung hatte er 1998 unter das Motto „Unabhängigkeit und Berufserfahrung für Ihre Stadtverwaltung“ mit dem Zusatz „Keine Wahlversprechen. Aber Ziele“ gestellt. Erwartungen, die er hatte, haben sich im Großen und Ganzen erfüllt und viel Schönes ist dazugekommen. Als Bürgermeister ist jeder Tag anders, häufig anders als geplant. Das kann anstrengend sein und das Amt ist ein Job, der die Familie nicht unberührt lässt. Man ist schließlich abends fast täglich unterwegs, hält auch am Wochenende Grußworte bei öffentlichen Veranstaltungen oder wird auch in der Freizeit in der Stadt angesprochen. Herr Bockholt ist insgesamt sehr glücklich mit seinem Job gewesen und konnte sich immer auf die Unterstützung in seiner Familie verlassen. Auch wenn es für die Familie nicht immer einfach war. Jetzt freut er sich allerdings auch auf den Ruhestand. Konkrete Pläne dafür gibt es noch nicht. . Oder werden nicht genannt. Er möchte sich Zeit gönnen, sich in seinem „neuen“ Leben zu orientieren. Aber er verrät, dass er gerne alte Hobbies wieder aufleben lassen würde. So zum Beispiel das bereits angesprochene Fotografieren, aber auch das Musizieren und die obligatorischen Radtouren werden bestimmt auch nicht zu kurz kommen. Er fasst es für sich so zusammen: „Ich kann alles, muss aber nichts.“

Zum Schluss möchte ich noch wissen, wo er in Niebüll am liebsten ist. Zuhause steht dabei weit oben auf der Liste, er ist insgesamt aber einfach gerne draußen und auch im Marschenpark hält der Bürgermeister sich gerne auf. Wart ihr dort schon mal? Vielleicht trefft ihr ihn dort zufällig 😊

Auch Kunst mag Herr Bockholt gerne. Das zeigt sich an der Deko in seinem Büro. Sein Lieblingsgegenstand dort ist ein Aquarell von einem Herrn Hoffmann aus Niebüll, dass in reduzierter Weise, fast nur schemenhaft, einen Deich, ein Haus und das Meer zeigt. Eine stetige Erinnerung an die Landschaft, in der Niebüll sich befindet.

Nach 48 Arbeitsjahren und 24 Dienstjahren als Bürgermeister geht Wilfried Bockholt zufrieden in den Ruhestand. Für ihn ist es eine „runde Sache“. Was er vermissen wird, kann er noch nicht sagen, das zeigt sich dann, wenn er das Rathaus verlassen hat.

Vielen, vielen Dank für Ihre Arbeit für Niebüll und alles Gute für den Ruhestand!

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