Die Stadt Niebüll hat ein erstaunlich reiches Kultur- und Kunstangebot. Definitiv reicher, als man für eine Kleinstadt so erwarten würde. Es gibt ein eigenes Kunstmuseum mit wechselnden Ausstellungen, weitere interessante Museen und auch kulturell ist einiges geboten wie z.B. Lesungen oder Konzerte unterschiedlichster Stilrichtungen. 

Erstaunlich und unerwartet vielschichtig ist auch die aktuelle Ausstellung im Richard-Haizmann Museum. Diese zeigt eine Auswahl aus Hermann Stenners Werken unter dem Titel „Der innere Klang“.

Der Name ist Programm: Die Kunstwerke spiegeln nicht nur Stenners persönliche künstlerische Entwicklung, seinen inneren Willen sowie seine eigene Gefühlswelt wieder, sondern spielen auch bewusst mit der Gefühlswelt des Betrachters: Die teils sehr starklinigen und farbstarken Bilder zielen ganz unmittelbar und vom Künstler beabsichtigt auf die Empfindungen und inneren Bilder des Betrachters, um bei diesem einen ganz eigenen „inneren Klang“ zu erzeugen.

„Das Wort ist ein innerer Klang. Dieser innere Klang entspricht teilweise [ …] dem Gegenstand, welchem das Wort zum Namen dient. Wenn aber der Gegenstand nicht selbst gesehen wird, sondern nur sein Name gehört wird, so entsteht in den Köpfen des Hörers eine abstrakte Vorstellung, der demineralisierte Gegenstand welcher im Herzen eine Vibration sofort hervorruft.  [ …] Die Form selbst, [ …]  hat ihren inneren Klang, ist ein geistiges Wesen mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind. 

Zitiert nach Wasiliy Kandinsky: Über das Gestrige in der Kunst, Kap. Wirkung und Farbe, S. 28, 53

Bemerkenswert ist auch die extrem kurze Schaffensperiode des Künstlers. In seiner knapp bemessenen Lebenszeit (1891-1914) erschuf er um die 300 Gemälde und mehr als 1500 Papierarbeiten. 

In dieser intensiven, kurzen Schaffensphase veränderte und festigte sich Stenners Stil. Sein Ziel war, sich in seiner Kunst sehr genau auszudrücken und sein Innerstes in die Bilder zu geben. Beim Gang durch die Ausstellung lässt sich der Prozess von Stenners anfänglich impressionistischer Kunst und seine Wandlung hin zum Expressionismus mit eigenen Augen miterleben und miterspüren. Hermann Stenner malte sich quasi durch alle zu seiner Zeit vorherrschenden Kunstrichtungen und perfektionierte sie. 

Die Bilder laden mit ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zum Verweilen ein- auch nach ausgiebiger Betrachtung lassen sich immer neue Details entdecken.

Obwohl Stenner bereits zu Lebzeiten hohe künstlerische Anerkennung genoss, ist sein Name erstaunlicherweise heute kaum noch jemandem ein Begriff, obwohl seine Kunst und sein Wirken in internationalen Fachkreisen höchste Anerkennung findet. 

Wohl dazu beigetragen hat zunächst der erste Weltkrieg, welcher die finanziellen Probleme der Familie Stenner nach dem Tod des Künstlers verstärkten. Seine Kunstwerke wurden einfach eingelagert und gerieten langsam und unbewusst zusammen mit seinem Namen in Vergessenheit. Verstärkt wurde Stenners heutiger Unbekanntheit vermutlich auch durch den zweiten Weltkrieg und den negativen Blick der Nationalsozialisten auf expressionistische Kunst, welche als „abartig“ betitelt wurde. 

Doch nun hat man in Niebüll die Möglichkeit, den Künstler Hermann Stenner und seine Kunst im Haizmann Museum neu zu entdecken. Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. Januar und ist absolut sehenswert. Die Entwicklung und Bandbreite eines Künstlers so hautnah zu erleben ist wirklich etwas Besonderes, vor allem bei einem so jung verstorbenen Künstler wie Stenner. 

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