Hast du in diesem Jahr schon Insekten gesehen? Wahrscheinlich nicht so viele, denn im Winter verstecken sich die meisten Insekten an geschützten Orten wie Totholz, Laub, unter Baumrinden oder im Mauerwerk. Und sicherlich auch in den vielen Insektenhotels, die es in unseren Gärten gibt. Libellen überwintern hingegen als Larven unter Wasser. Auch in Pflanzenstengeln überwintern viele Insekten. Deswegen soll man diese noch stehen lassen, auch wenn es vielleicht nicht so schön aussieht.
(Titelbild: Schmetterlingsraupe-Duene_©_Martin-Stock-LKN)
Bewusst wahrgenommen habe ich das erste Insekt in diesem Jahr als eine Fliege bei uns durch das Wohnzimmer flog. Und ich freue mich schon, wenn es im Garten wieder summt und fliegt, wenn Bienen, Libellen und Schmetterlinge auf der Suche nach Nahrung gehen. Weniger freue ich mich auf die Ameisen, die wieder zu Hunderten versuchen werden, unser Haus zu übernehmen. Aber bei all dem Gekrabbel ist mir natürlich klar, wie wichtig die Insekten für das gesamte Ökosystem sind, gehören Insekten doch zu den Artenreichsten Tiergattungen. Ab noch ist in bisschen Zeit, sich auf Insekten einzustimmen, denn:
Das Nationalpark-Themenjahr 2026 widmet sich der kleinen, sechsbeinigen Vielfalt im Wattenmeer: Insekten! Sie spielen im Ökosystem eine zentrale Rolle als artenreiche und spezialisierte Lebewesen, vor allem in Salzwiesen, in den Dünen und am Strand.

Insekten erfüllen dabei zahlreiche Schlüsselrollen im Wattenmeer. Sie sind u.a. eine wichtige Nahrungsquelle für viele Brutvogelarten, besonders für die Aufzucht der Jungen. Zudem sind viele Pflanzen des Wattenmeers auf Insekten zur Bestäubung angewiesen. Im Themenjahr 2026 erkunden wir die faszinierende Vielfalt der Insekten und ihre besonderen Aufgaben im Nationalpark Wattenmeer.
„Insekten sind die artenreichste Tierklasse. Sie haben (anders als Spinnen) sechs Beine und einen in Kopf, Brustbereich und Hinterleib untergliederten Körper. Zu den Insekten zählen unter anderem Bienen, Käfer, Schmetterlinge, Libellen, Heuschrecken, Ameisen, Zikaden und Fliegen. In Deutschland sind etwa 48.000 Tierarten nachgewiesen, davon über 33.000 Insektenarten. Insekten machen demnach circa 70 Prozent aller Tierarten in Deutschland aus. Unter der Gruppe der Insekten sind zahlreiche Arten und Artengruppen zu finden, die in unseren Ökosystemen eine wichtige Rolle spielen. Insekten sind als Nahrungsgrundlage für andere Insekten und weitere Tiergruppen wie Vögel, kleine Säugetiere, Reptilien, Amphibien oder Fische ein elementarer Teil des Nahrungsnetzes. Der Verlust an Insekten, sowohl was die Arten selbst als auch die Populationsgrößen innerhalb der Arten anbelangt, hat aber auch weitere unmittelbare Auswirkungen auf die menschliche Umwelt (auf die Bestäubung von Pflanzen, die Erhaltung der biologischen Vielfalt, für den Abbau organischer Masse, die biologische Kontrolle von Schadorganismen, die Gewässerreinigung oder die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit) und damit auch auf die Menschen.“ (Quelle: https://www.bundesumweltministerium.de/faq/was-sind-insekten)
Insekten verstehen es, sich hervorragend an Lebensräume anzupassen, wenn auch die Bedingungen manchmal extrem sind. So wie etwa in den Salzwasserbereichen des Nationalsparks Wattenmeer.
Überflutungen mit Salzwasser sind eine tödliche Gefahr für Landlebewesen. Regenwürmer, Mäuse und Eidechsen können tiefliegende Bereiche der Salzwiesen nicht besiedeln. Selbst Hasen und Füchse ertrinken hier gelegentlich bei Sturmfluten. Trotzdem gibt es über 2.000 Arten von Insekten, die überwiegend oder ausschließlich in Salzwiesen leben. Sie haben sich sehr gut angepasst, um mit Salz, Wind und Wasser zurechtzukommen.
Überlebenskünstler
Viele Insekten leben im Pflanzeninneren und überlassen es ihrer Wirtspflanze, die Probleme mit dem Meerwasser zu lösen. Andere leben im Wurzelwerk der Pflanzen, wo es bei Überflutung schützende Luftblasen gibt.
Ebenfalls trickreich sind die Sackträgermotten: Ihre Raupen spinnen sich einen “Schutzanzug” aus Seide, der am Kopfende an der Futterpflanze befestigt ist. Die Raupe kann so im Trockenen fressen, sogar bei einer Sommersturmflut …
(https://www.nationalpark-wattenmeer.de/sh/naturerlebnisraum-spo/insektenreich/)
Große Halme – kleine Untermieter
Die Gräser und Blütenpflanzen der Salzwiese bieten vielen gefährdeten Insekten wertvolle Lebensräume. Bei der Eiablage im Frühjahr verursacht die Schilf-Halmfliege eine Missbildung im Schilfstängel: die “Zigarrengalle”. Geschützt im Inneren dieser Galle frisst die Larve, wächst und verpuppt sich. Nach der Überwinterung schlüpft sie als junge Fliege, die erneut Schilfhalme besucht.

Wegerich-Wohngemeinschaft:
Strandwegerich-Gallrüsselkäfer mit Schlupfwespe
Die Stängel des Strandwegerichs haben oft unter dem Blütenstand eine Verdickung, eine “Stängelgalle”. Sie wird durch die Eiablage des Strandwegerich-Gallrüsselkäfers verursacht. Die Larve frisst im Inneren der Galle und schlüpft im August als junger Käfer heraus.
Falls jedoch eine spezielle kleine Schlupfwespe ebenfalls ihr Ei in die Galle gelegt hat, frisst die Strandwegerich-Gallrüsselkäferschlupfwespenlarve die Käferlarve auf. Hierbei handelt es sich um Hyperparasitismus. Bei diesem Prozess befällt ein Parasit einen anderen Parasiten.

Hohlhalm-Hocker: die Stängeleule
Im Inneren von Stängeln des Strandroggens lebt die Raupe dieses seltenen Küsten-Nachtfalters. Sie frisst gut versteckt im untersten, im Sand verborgenen Stängelabschnitt. Da der Strandroggen die Klimaerwärmung schlecht verträgt, wird auch die Strandroggen-Stängeleule (© E. Friedrich) noch seltener werden, als sie ohnehin schon ist.

Küsteninsekten – Die Härtesten ihrer Klasse
Kälte und Salz können dieser besonderen Schwebfliege nichts anhaben: Die Larve der Küstenschwebfliege entwickelt sich nur in Brackwasser mit faulenden Algen. Als erwachsenes Tier besucht sie Blüten und kann im milden Küstenklima sogar den Winter überleben!
Die bronzefarbene Küstenschwebfliege ahmt wehrhafte Bienen nach, hat im Unterschied zu Bienen aber ganz kurze Fühler und große, fein punktierte Augen.
Die Küsten-Seidenbiene ist die einzige Wildbiene, die erfolgreich in Salzwiesen lebt. Sie sammelt Pollen und Nektar für ihre Brut ausschließlich an Blüten der Strandaster.
Wenn sie die einzelnen Brutzellen mit Eiern befüllt, weiß sie, ob sie eine Tochter oder einen Sohn hineinlegt! Für die größeren Weibchen muss sie direkt mehr Larvenfutter einplanen. Eines von vielen kleinen Naturwundern in den Salzwiesen.
Der Friesische Salzkäfer gräbt in der Quellerzone knapp unterhalb der Flutlinie wasserdichte Wohnröhren senkrecht in den Boden. Sein Futter sind kleinste Algen der Bodenoberfläche, die er bei Ebbe in seine Röhre trägt. Den Eingang verschließt er mit einem Erdhügel.

Der Salzwiesen-Ahlenläufer ist in Salzwiesen weit verbreitet und vielleicht der häufigste aller Küstenkäfer. Der kleine, flinke Salzwiesenkäfer lässt sich durch Überflutungen nicht beeindrucken.
Bei Sommerfluten verkrabbelt er sich am Boden in einer Luftblase und wartet auf das Ende der Flut. Nur falls er versehentlich an die Oberfläche blubbert, muss er dort gegen die Wellen kämpfen.
Diese wenigen Beispiele zeigen schon, welche Faszination in der Insektenwelt im Nationalpark Wattenmeer steckt. Und es gibt viel mehr tolle kleine Tiere zu entdecken. Nehmt euch beim nächsten Besuch vielleicht einmal etwas Zeit, genau hinzuschauen und in die spannende Welt der Insekten und Kleinlebewesen im Nationalpark einzutauchen. Für die Bestimmung von Insekten kannst du verschiedene Apps nutzen. Moritz Padlat von der Nationalparkverwaltung empfiehlt dafür zum Beispiel „obsidentify“ und speziell für Küsteninsekten BeachExplorer.
Die Beobachtung, die Untersuchung und der Schutz von Insekten und deren Lebensräumen gehören zu den Aufgaben der Nationalparkverwaltung. Oft ist nicht sehr viel über einzelne Arten und der Populationsgrößen bekannt, was diese Arbeit umso wichtiger, aber genauso schwierig macht.
Ich finde es toll, dass es im Nationalpark nicht nur um Meerestiere, Vögel, Schafe und Wattwürmer geht, sondern auch um Insekten. Das macht diesen einzigartigen Naturraum noch viel spannender und schützenswerter.