Wenn man vor einem Gemälde steht, weiß man manchmal gar nicht so genau, was man
eigentlich sieht. Genau so ging es mir bei den Bildern von Ulrike Pisch.
Wenn man vor einem ihrer Bilder steht, fragt man sich nicht unbedingt sofort, was man
eigentlich anschauen soll. Sind es die Menschen? Die Farben? Oder vielleicht das, was
zwischen den einzelnen Figuren passiert?
Auf den ersten Blick erkennt man Menschen und verschiedene Formen, aber je länger
man hinschaut, desto mehr Details fallen einem auf. Manche Gesichter sind nur schwer zu
erkennen und manche Figuren scheinen fast mit dem Hintergrund zu verschwimmen.
Dadurch wirken die Bilder nicht wie eine einfache Darstellung von Menschen, sondern
eher eine Momentaufnahme von Gefühlen oder Erinnerung.

Ulrike Pisch ist eine Berliner Malerin, die sich in ihren Werken viel mit Farbe, Licht und Erinnerung beschäftigt. Ihre aktuelle Ausstellung „Atmosphères“ ist im Richard Heizmann
Museum in Niebüll zu sehen. Besonders auffällig ist, dass ihre Bilder nicht einfach zeigen
sollen, wie etwas in Wirklichkeit aussieht. Stattdessen geht es viel mehr um die Stimmung,
die ein Bild vermittelt und darum, was man selbst beim Betrachten empfindet.
Genau das macht die Kunstwerke für mich so interessant. Man bekommt nicht sofort eine
eindeutige Antwort darauf, was man sehen oder fühlen soll. Pisch lässt viel Raum für die
eigene Wahrnehmung. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass einige Figuren klarer zu erkennen sind als andere und teilweise fast mit der Umgebung verschmelzen. Auch mit den Farben spielt Pisch: Sie
trägt sie teilweise sehr dick auf, an anderen Stellen fast durchsichtig. Dadurch wirken die
Bilder unterschiedlich und bekommen ihre eigene Atmosphäre.

Ein Bild ist mir besonders aufgefallen: „Antwerpen“ von Ulrike Pisch aus dem Jahr 2022 ist zu meinem persönlichen Lieblingsgemälde der Ausstellung geworden. Je nachdem, aus welcher Entfernung man es betrachtet, erkennt man mal mehr mal weniger. Von weiter weg wirkt das Bild eher wie eine zusammenhängende Szene, während man bei genauerem Hinsehen immer mehr einzelne Details entdeckt. Die Personen sind teilweise angedeutet und auch die Pinselstriche bleiben deutlich sichtbar. Besonders die orangefarbenen Linien im oberem Bereich fallen mir dabei auf, weil sie einen starken Kontrast zu den eher ruhigen Farben im restlichen Bild bilden. Genau dieses Zusammenspiel aus Nähe und Entfernung finde ich spannend, weil das Bild dadurch jedes Mal bisschen anders wirkt.

Ein weiterer Teil der Ausstellung, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, sind die Gemälde, die im Zusammenhang mit den Gedichten von Ilse Weber entstanden sind. Die jüdische Dichterin schrieb unter anderem während ihrer Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt Gedichte, von denen einige später von der Sängerin Bente Kahan vertont wurden. Ulrike Pisch hat sich mit diesen Gedichten und den vertonten Liedern auseinandergesetzt und daraus eigene Bilder entwickelt.
Bei der offiziellen Live-Vertonung konnte ich selbst leider nicht dabei sein. Trotzdem stelle
ich mir die Verbindung aus den Worten von Ilse Weber, der Musik und den Bildern von
Ulrike Pisch sehr emotional vor.
Wer diese Verbindung selbst erleben möchte, hat auch jetzt noch die Möglichkeit dazu: In
der Ausstellung gibt es einen QR-Code, über den man sich die Vertonung anhören kann.
So kann man beim Betrachten der Gemälde gleichzeitig die Musik hören und einen
anderen Zugang zu den Bildern bekommen.
Für mich zeigt dieser Teil der Ausstellung besonders gut, wie Pisch Gefühle und
Erinnerungen durch Farben, Licht und Formen ausdrückt, ohne sie direkt darstellen zu
müssen.


Am Ende ist für mich genau das das Besondere an „Atmosphères“. Ich habe die
Ausstellung nicht mit dem Gefühl verlassen, jedes Bild verstanden zu haben. Einige
Werke sind mir gerade deshalb im Kopf geblieben, weil ich noch danach darüber
nachgedacht habe. Vielleicht ist das auch das Spannende an Kunst: Ein Bild kann einen
noch lange beschäftigen, obwohl man längst nicht mehr davorsteht.
Wer selbst einmal vor den Bildern von Ulrike Pisch stehen möchte, hat noch bis zum 18.
Oktober 2026 die Möglichkeit, sich die Ausstellung „Atmosphères“ im Richard Haizmann
Museum in Niebüll anzuschauen.
Die Öffnungszeiten sind:
Di- Fr: 11 – 16:30 Uhr
Sa: 11 – 13 Uhr
So: 14- 17 Uhr
Der Eintritt ist wie immer kostenfrei, Spenden sind aber herzlichst gerne gesehen.