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Am Ende ist es … mehr als Müll!

„Mit Müll zu Kunst“ – Unter diesem Titel haben wir gemeinsam mit der Künstlerin und Kunstpädagogin Verena Kandler aus Bayern vom 08.-12. August 2022 eine crossborder Workshopwoche durchgeführt.

Ganz zu Beginn stand jedoch der Meeresmüll im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Jennifer Timrott vom Verein Küste gegen Plastik e.V. sind wir nach Dagebüll gefahren und haben dort im Spülsaum nach „künstlerisch verwertbarem Müll“ gesucht.


Wir wurden fündig: Feuerzeuge, Dolly Ropes, Plastikdeckel, Snackverpackungen und kleine Plastikteile in verschiedensten Formen haben wir gesammelt, um sie später mit in den Kunstwerken zu verarbeiten. Ein Fund hat uns besonders in Erstaunen versetzt: Eine alte Sonnencremeflasche der Marke Delial aus den 1950er Jahren. Diese war fast noch unversehrt und hat uns vor Augen geführt, welche langen Zeiträume produzierte Gegenstände im Meer verweilen können. Auch haben wir viele kleine, bunte Plastikkügelchen (Pellets oder Nurdles genannt) gefunden, die als Schüttgut für späteres Einschmelzen bei der Weiterverarbeitung oder als Füllmaterial verschifft wurden. Beim Müllsammeln ist schnell klar geworden, dass Plastik aus dem Meer nur ganz schwierig zu recyceln ist. Das Ausgangsmaterial, etwa Polypropylen, wird im Wasser porös und brüchig und teilweise von Pflanzen oder Tieren besiedelt, also „verunreinigt“, was eine Nachnutzung ausschließt, weil die Qualität des Ausgangsmaterials einfach zu schlecht ist.

Die anschließenden fünf Workshops sind alle unterschiedlich verlaufen, was das Projekt so spannend hat werden lassen. Mit alten Werbebannern und Plakaten als Leinwand war die Idee, mit teils verformten, deformierten, toten, von ihrem Zweck entbundenen Materialien neue Formen zum Leben zu erwecken und scheinbar nutz- oder wertlosen Dingen einen neuen, künstlerischen Wert zu verleihen.

Im ersten Workshop im Rahmen des Nachhaltigkeitsforums Niebüll im Naturkundemuseum entstand das Gemeinschaftswerk „Müllbüll“. Beim zweiten Workshop im Haus der Jugend Niebüll entstanden vornehmlich Tierwesen, der Kinder-Workshop in der Tønder Bibliotek förderte Wasserwelten und Unterwasserlandschaften zutage. Das offene Gestaltungsangebot im Naturcenter Tønnisgard auf der dänischen Insel Rømø war im Ergebnis recht unspezifisch. Wir hatten hierfür extra kleine Bannerausschnitte vorbereitet, da die meisten, vornehmlich deutschen Besucher*innen nicht wussten, dass sie uns antreffen würden und nicht so viel Zeit mitgebracht hatten. Spannend waren hier die Gespräche mit den Eltern. Vom Verpackungsmüll kamen wir schnell zu Aspekten des Konsumverhaltens und der Energieversorgung beiderseits der Grenze.


Beim Open Workspace auf dem Skandalös Festival am Hülltoft Tief nahe der dänischen Grenze nutzten viele Teilnehmende alte Festivalplakate und griffen so das Festivalthema auf. Sehr gefreut hat uns, dass auch an einem großen Gemeinschaftswerk gearbeitet wurde.

Im Naturkundemuseum Niebüll können nun bis Ende August die Werke bestaunt werden, die uns dafür zur Verfügung gestellt wurden.

Mit der Teilnehmendenzahl und dem Verlauf der Workshops waren wir super zufrieden. Was bleibt also nun als Erkenntnis übrig?
Die Durchführung eines Deutsch-Dänischen-Kulturprojektes funktioniert. Wir hatten durchweg tolle Gastgeber, 1000 Dank für diese Gastfreundschaft!

Verena Kandler hatten wir eingeladen, da sie, von weit herkommend noch einen ganz unverstellteren Blick auf die Thematik Meeresmüll an der Nordseeküste hat. Sie hat ihr Fazit so formuliert: „Die Workshopwoche habe ich als gemeinsame Spurensuche im Sinne einer neoarchäologischen Tätigkeit wahrgenommen. Auf der Suche nach Antworten auf das Echo der Vergangenheit haben wir unterschiedlichste Abfallmaterialien unter die künstlerische Lupe genommen. Die entstandenen Arbeiten zeigen auf eindringliche Weise, dass die weitgehend synthetischen Fundmaterialien nicht mit dem Kreislauf von Materie in der Natur vereinbar sind und dennoch der biologischen Organik zum Verwechseln ähnlich erscheinen, wie es auch in einigen Collagen sichtbar wird.

Im Rahmen der Workshops haben wir uns die Spuren menschlicher Tätigkeit angesehen, reflektiert und künstlerisch darauf reagiert. Wichtig sind jetzt die Reaktionsketten, die folgen werden: Weiterführende Vernetzung, Ideen zu(r) Sensibiliserung bei Kindern und Jugendlichen, neue Kreativ-Angebote und weitere lokale Handlungen auf Stadt- und Landesebene. Zusammen bilden wir das Netzwerk, das wir für Veränderung benötigen.“

Während der Workshops wurde uns und etlichen Teilnehmenden bewusst, wie lange tatsächlich Abfall- und Verpackungsmaterialien im Meer verbleiben. Die Schäden für die Umwelt, die dadurch enstehen, sind in ihrer Menge, Auswirkung und Dauer kaum zu begreifen. Lösungen für die Problematik von Meeresmüll und das Müllaufkommen im Allgemeinen lassen sich nur gemeinsam entwickeln. Die entstandenen Kunstwerke können uns helfen, noch sensibler auf Müllvermeidung zu achten und uns für eine intakte Umwelt zu begeistern. Am Ende sind sie Kunst? Müll? Müllkunst? Das darf jede*r gerne selbst beurteilen. In jedem Fall sind sie schön und vergänglich, was für die Natur hoffentlich nicht zutrifft.

Unter dem Hashtag #plasticartddk kann das Projekt auf Instagram verfolgt werden. Gefördert wird das Projekt mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung über den Sofortpool des deutsch-dänischen Interreg Projektes KursKultur 2.0.

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